Projekte und Perspektiven

„Gemeinsam Wohnen“ – fachliche Herausforderung unter der Zielperspektive der Inklusion
Die Individualität von Menschen mit einer Behinderung wird von den Einrichtungen und Diensten der Herrnhuter Diakonie bejaht und unterstützt. Unsere Wohnangebote sind entsprechend ausdifferenziert, um den verschiedenen Bedarfen gerecht zu werden. Sie sind jeweils eingebunden in den Sozialraum eines Stadtteiles oder eines Dorfes und einer Nachbarschaft.

Die Integration von Menschen mit Unterstützungsbedarf in das gesellschaftliche Leben ist eine wichtige Aufgabe für die Stiftung Herrnhuter Diakonie. Oft stoßen die Menschen auf Ablehnung bei dem Versuch, sich wirklich am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen. Der Artikel 19 der Behindertenrechtskonvention fordert die unabhängige Lebensführung und die Teilhabe aller Menschen am Leben der Gesellschaft. Damit erkennen die Vertragsstaaten dieses Übereinkommens die Rechte aller Menschen an, sich zwischen verschiedenen Wohnmöglichkeiten entscheiden zu können. Auch Menschen mit Unterstützungsbedarf sollen ihren Wohnort selbst wählen und nicht verpflichtet werden, in speziellen Wohnformen zu leben. Sie benötigen den Zugang zu einer Reihe von gemeindenahen Unterstützungsleistungen mit dem Ziel der Teilhabe am Leben der Gesellschaft und der Vermeidung von Exklusion und Isolation.

Durch den verstärkten Ausbau der ambulanten Angebote, die die Stiftung der Herrnhuter Diakonie grundsätzlich begrüßt, entstehen neue fachliche Herausforderungen unter der Zielperspektive der Inklusion. Der Stadtteil, die Gemeinde und die Nachbarschaft müssen dazu stärker in den Focus genommen und in die soziale Arbeit einbezogen werden. Will man Inklusion verwirklichen, müssen Strukturen und Konzepte verändert werden, um das Selbstverständnis des professionellen Handelns in der Behindertenhilfe neu zu definieren.

Die Behindertenhilfe Hohburg hat vor vier Jahren ein neues Wohnprojekt in der ehemaligen Kreisstadt Wurzen gestartet. Mit großer Unterstützung der dortigen Wohnungsgenossenschaft konnte im August 2012 eine besondere Außenwohngruppe eröffnet werden. In einem Wohngebiet in Wurzen mietete die Herrnhuter Diakonie drei Zweiraumwohnungen eines Mehrfamilienhauses. In jeder Wohnung wohnen seither zwei jüngere Menschen mit Unterstützungsbedarf. Es gab am Anfang viele neugierige und fragende Blicke. Mieter des Hauses äußerten sich besorgt, ob die jungen Leute denn in der Nacht alleine bleiben könnten und auch die Hausordnung machen würden. Eine neue Herausforderung in dieser Wohnform ist es daher, soziale Netzwerke in der Umgebung zu entdecken und zu stärken. Wo können sich die Menschen der Wohngemeinschaft engagieren und einbringen? Dieses Wohnprojekt zielt auf ein selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung im Verbund mit tragfähigen sozialen Beziehungen innerhalb und außerhalb der Wohngemeinschaft ab. Es geht in erster Linie um die Orientierung an den Interessen und Vorstellungen der Bewohner. Ihre Eigeninitiative und Selbsthilfe sollen so unterstützt und gefördert werden.

Gemeinsam oder individuell kann die Stadt Wurzen mit ihren vielfältigen Dienstleistungs- und Freizeitangeboten entdeckt und genutzt werden. Das beinhaltet die Kooperation mit Kulturschaffenden und die enge Zusammenarbeit mit Vereinen, Schulen und anderen lokalen Einrichtungen. Folgende Fragen sind dabei den Nutzern dieses Wohnangebotes in Wurzen wichtig:

Welche Menschen sind für Sie in Ihrem Wohnumfeld bedeutsam?
Wo gehen Sie gerne hin?
Welche Orte meiden Sie?
Welche Wünsche haben Sie zur Stärkung Ihrer Teilhabe am Leben in der Stadt?

Das Wohnprojekt in Wurzen nimmt bei der Planung und Umsetzung des Vorhabens die Strukturen und Ressourcen der Stadt in den Blick. Nachbarschaften entwickeln sich nicht einfach, weil Menschen nebeneinander wohnen. Visionen einer Vielfaltsgemeinschaft müssen entwickelt und unterstützt werden. Das erfordert hilfreiche Strukturen und engagierte Akteure.

Der Weg zu gegenseitiger Akzeptanz und Zusammenarbeit wird umso erfolgreicher, je intensiver man in Beziehung tritt. Aus diesem Grund schaffen die Mitarbeitenden der Behindertenhilfe Rahmenbedingungen werden, die eine lebensnahe Unterstützung von Menschen mit und ohne Unterstützungsbedarf anbieten. Durch diese Angebote können alle Beteiligten im Stadtteil wirklich erleben, dass es normal ist, verschieden zu sein und Alle, trotz unterschiedlicher Kompetenzen, gleichberechtigt miteinander leben können. Toleranz und Achtung vor dem Anderen entwickelt sich nicht selbstverständlich. Hier bedarf es einer Netzwerkarbeit und eines Mix aus professionellem und bürgerschaftlichen Engagement. Die Mitarbeitenden der Behindertenhilfe Hohburg stellen sich dieser großen Herausforderung mit viel Optimismus und Elan. Sie vermitteln allen Beteiligten: „Wir schaffen das!“